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27.05.2021

Museumssnack

Dass man anhand ihres Umgangs mit Strafgefangenen viel über die Gesellschaft eines Landes lernen kann, war bereits dem französischen Politiker und Publizisten Alexis de Tocquville bewusst, als er vor über 200 Jahren die junge, demokratische US-Republik besuchte. Was berichtet in diesem Sinne der Hemmschuh aus unserer stadtgeschichtlichen Dauerausstellung über uns und unsere Geschichte aus? Der Hemmschuh stammt aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, besteht aus Holz und Eisen und ist äußerst schwer. Ob er aus dem Celler Zucht- und Tollhaus stammt oder einer älteren Haftanlage der Stadt ist nicht endgültig zu klären. Sicher ist aber, dass er Häftlinge in ihrer Bewegung enorm eingeschränkt hat und nicht den Eindruck humaner Haftbedingungen hinterlässt. 

Nach dem Tod des Herzogs Georg Wilhelm 1705 wurde die Welfen-Residenz von Celle nach Hannover verlegt. Als Entschädigung entstand in Celle neben dem Landgestüt und dem noch heute existierenden Gericht ein Zucht- und Tollhaus. Sein Bau begann um 1710 und dauerte vermutlich etwa 20 Jahre. Da es noch heute als JVA genutzt wird, ist es die älteste, noch immer und durchgehend genutzte Strafvollzugsanstalt Deutschlands. Dadurch hat das Zucht- und Tollhaus nicht nur viele Straftäter gesehen, sondern auch einige Brüche in der Geschichte des Strafvollzugs erlebt.

Auch wenn der Hemmschuh es nicht vermuten lässt, fiel der Bau des Celler Zucht- und Tollhauses in eine Zeit des Umbruchs beim gesellschaftlichen Umgang mit Straftätern. In der Antike und im Mittelalter war der Freiheitsentzug keine selbstständige, dauerhafte Strafe für Rechtsbrüche. Er diente lediglich der Aufbewahrung des Täters bis zum endgültigen Urteil oder bis zur Zahlung einer Geldsumme. Besonders bei schweren Straftaten war die öffentlich vollzogene, „schöne“ Hinrichtung die gängige Bestrafung. Etwa im Vierteilen des Schuldigen demonstrierten die (absolutistischen) Herrscher ihre Macht sowie Fähigkeit, Ordnung zu aufrecht zu halten, und machten so die Legitimität ihrer Stellung sichtbar. In Zeiten mangelnder staatlicher Strukturen ein wichtiger politischer Vorgang, der aber natürlich auch der maximalen Abschreckung dienen sollte.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts kam jedoch der Gedanke auf, dass Strafe nicht gleich körperliche Züchtigung und Schmerz sein muss. Strafe sollte vielmehr zur Erziehung der Täter durch Disziplinierung und Arbeit dienen. Daher entstanden in Großbritannien und den Niederlanden erste Vorläufer der Zuchthäuser für Landstreicher, Bettler und kleinere Diebe, die dort vor allem arbeiten und die Bibel studieren sollten. Nach ihrem Vorbild wurde das Celler Zucht- und Tollhaus errichtet. Diese Idee nahm im 17. und 18. Jahrhundert mit der beginnenden Aufklärung fahrt auf. Denn diese machte für die Unmenschlichkeit von Leibesstrafen ebenso aufmerksam, wie für ihre Ineffektivität bei der Prävention von Straftaten. Es lässt sich aber streiten, ob die Zuchthäuser weniger grausam waren. Der Hemmschuh verdeutlicht schon, dass die Haftbedingungen nicht wirklich human waren. Außerdem griff man zwar nicht mehr auf den Körper des Gefangenen über, aber man griff auf seinen Geist zu und versuchte diesen im Sinne einer Norm zu formen. Aber wer setzte diese Norm fest und nach welchen Kriterien?

Hinzu kam, dass viele Zuchthäuser mehr und mehr der wirtschaftlichen Gewinnmaximierung durch Zwangsarbeit dienten, statt eines aufklärerischen und gesellschaftlichen Ideals. Entsprechend wurden Reformen gefordert und Ende des 18. Jahrhunderts in den USA auch umgesetzt. Dort setzte man nicht mehr auf Arbeit, sondern auf innere Einkehr durch Einzelhaft in Zellen und Bibelstudien. Ein System, das bis heute hauptsächlich Isolation und Entfremdung mit der Gesellschaft fördert. Dennoch schwappte es nach Europa über. Auch im Celler Zucht- und Tollhaus wurde 1883 der erste Einzelzellentrakt in Betreib genommen. In Europa kombinierte man die Einzelhaft allerdings mit der Möglichkeit auf Besserung der Haftbedingungen bei gutem Verhalten der Inhaftierten. Dieses Stufensystem fand in Deutschland jedoch erst während der Weimarer Republik Anwendung und war schon zeitgenössisch heiß diskutiert: Dient es wirklich der Prävention oder verhindert es nur eine härtere Vergeltung von Unrecht?

Auch heute wird das Zucht- und Tollhaus in Celle noch als JVA genutzt. Und ebenso wird noch immer über Gefängnisse, Haftbedingungen und den Umgang mit Straftätern diskutiert. Neben Forderungen nach noch konsequenterem Wegsperren werden auch immer mehr Stimmen laut, die eine (teilweise) Abschaffung von Gefängnissen fordern, da diese ihren Sinn der Resozialisierung von Gefangenen nicht nachkämen. Zum einen verbüßten von den 62.000 Gefängnisinsassen in Deutschland im Jahr 2020 ein Großteil eine Strafe aufgrund kleinerer Delikte. Dafür würden sie aus ihrem Umfeld gerissen und in den Gefängnissen in ein durchweg kriminelles Umfeld eingesetzt. Dies führe nicht zu einer Resozialisierung, sondern einer weiteren negativen Sozialisierung. Außerdem ist auch heute mit dem Gedanken der Besserung von Häftlingen der Glaube an eine Norm verbunden, die vor Entlassung erreicht werden muss. Neben dem Problem, wer diese Norm auf welche Weise setzt, bleibt bei den meisten Entlassenen eine lebenslange Stigmatisierung als nicht der Norm entsprechend. Dies führt meist zu prekären Lebenslagen etwa durch Arbeitslosigkeit, die ein Nährboden für kriminelle Rückfälle sind. Als Alternativen werden lebenslanger Freiheitsentzug für schwerste Straftäter ins Spiel gebracht, während für alle anderen die Freiheitsstrafe durch Therapie, betreute Wohneinrichtungen und Wiedergutmachung ersetzt werden sollen.

Wir kennen eine Vergangenheit ohne Gefängnis, aber mit einem Strafsystem, das nicht mehr unseren Werten entspricht. Werden wir auch eine Zukunft ohne Gefängnisse kennenlernen, weil diese ebenfalls nicht mehr unseren Werten entspricht? Kann eine Gesellschaft es aushalten, dass ein heute verurteilter Straftäter der potentielle Nachbar von morgen ist? Oder muss vor allem auf das Sicherheitsbedürfnis und –gefühl der Gesellschaft mehr geachtet werden?