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10.06.2021

Museumssnack

Der Tisch ist gedeckt. Alles steht bereit. Der Besuch kann kommen. So sieht es im Salon unseres Stadthauses aus dem Biedermeier aus. Auf dem Holztisch der celler Pastorentochter Caroline Gericke wartet ein reich verziertes Kaffeeservice aus Steingut auf seinen Gebrauch. Ein solches Service fand sich im 18. und 19. Jahrhundert in fast allen Haushalten, besonders aber in den besser betuchten. Denn Kaffee hatte sich zu einem der beliebtesten Genussmittel entwickelt und das Kaffeekränzchen wurde zu einem zentralen Treffpunkt, bei dem sich über dies und das ausgetauscht wurde. Und schon das macht deutlich: Kaffee ist viel mehr, als nur ein Nahrungsmittel. 

Kaffee ist kein Lebensmittel, dass der Mensch dringend zum Überleben benötigt wie Wasser. Vielmehr widerspricht der Kaffeekonsum unseren Urinstinkten. Er ist schwarz – also von ungewöhnlicher Farbe – und schmeckt bitter. Kein Kind würde Kaffee als wohlschmeckend empfinden, sondern sich von diesem Getränk fernhalten. Und trotzdem ist Kaffee mit 162 Litern pro Kopf und Jahr das beliebteste Getränk der Deutschen. Wieso trinken wir ihn so gern?

Kaffee stammt aus dem äthopischen Hochland, da sich dort die klimatischen Bedingungen finden, die die Kaffeepflanze benötigt. Vermutlich verabreichte man dort den Kaffee während einer Kaffeezeremonie Kriegern, damit diese sich vor einem Kampf aufputschen konnten. Die aufputschende Wirkung ist nachgewiesen: Das Koffein im Kaffee ist ein Alkaloid, dass die Blut-Hirn-Schranke ebenso leicht überwindet, wie Alkohol oder andere Drogen. Doch anders als Alkohol wirkt es dort nicht betäubend, sondern stimulierend, sodass unsere Denkleistung erhöht ist und unser Stoffwechsel angeregt wird. Auch aufgrund dieser Wirkung verbreitete sich der Kaffee recht schnell im 14./15. Jahrhundert im osmanischen Reich und wurde dort Teil religiöser Rituale und Praktiken.

Diese „berauschende“ Wirkung ist sicherlich ein Grund, weswegen sich der Kaffee mit Hilfe der muslimischen Pilgerfahrt nach Mekka und dem Handel im 17. Jahrhundert seinen Weg über Venedig, Frankreich und England nach ganz Europa fand. Ein anderer Grund war sicherlich seine soziale Bedeutung. Kaffee war kostspielig und exotisch. Somit war er für Adlige und Bürger das perfekte Luxusgut, mit dem man sich en vogue zeigen konnte und dem Zeitgeist der „Türkenmode“ frönte. Der gemeinsame Genuss von Kaffee wurde zu einem verbindenden Element, durch das man sich gegenüber anderen Gruppen abgrenzen konnte. Etwa zu den ärmeren Bauern in der Heide, die als Kaffeeersatz – den sogenannten Muckefuck – Roggen und andere Bestandteile rösteten, mahlten und aufbrühten. Aber auch bei den Bauern war der Konsum dieses Kaffeeersatzes meist Teil sozialer Rituale. Kaffee zu trinken war und ist also stets eher repräsentativer Lifestyle gewesen, als notwendige Nahrungsaufnahme.

Zu diesem Lifestyle gehört natürlich auch ein sozialer Raum, in dem er stattfinden kann. Bereits vor 500 Jahren öffnete das erste Kaffeehaus in Konstantinopel, wenig später in Europa (Venedig), vor etwa 350 Jahren in Deutschland und schließlich eröffnete mit dem Forestiere in der Zöllnerstraße um 1710 das erste Kaffeehaus in Celle. Kaffeehäuser waren zunächst Tavernen, die neben Alkohol auch Kaffee ausschenkten. Je mehr gehobene Gäste nach Kaffee fragten, desto eleganter und exquisiter wurden sie. Sie wurden zu Orten, an denen sich Menschen trafen, die sich durch den Genuss von Kaffee miteinander identifizierten, dabei Geschäfte erledigten und sich intellektuell austauschten. Der Kaffee schuf so einen öffentlichen Raum der Debatte und der Vernetzung, der für Obrigkeiten nur schwer zu kontrollieren war. Kaffeehäuser spielten daher während Revolutionen ebenso eine wichtige Rolle als Treffpunkt, wie noch in den 1960er/1970er Jahren für jugendliche diverser Subkulturen.

Allerdings waren die Kaffeehäuser zunächst ausschließlich Männern vorbehalten. Den im Denken des 18. und vor allem 19. Jahrhunderts kam den Männern die Rolle zu, sich zu vernetzen und um öffentliche Belange zu kümmern. Doch trotzdem konsumierten auch Frauen Kaffee. Sie taten dies im privaten Raum, etwa im eigenen Salon, gemeinsam mit Freundinnen, Bekannten und Nachbarinnen. Es entstand das „Kaffeekränzchen“. Und auch hier wurde sich ausgetauscht. Themen waren nicht nur Mode, Literatur und Theater, wie sich die Männer dies dachten und wünschten. Es wurden genauso die neuesten (politischen) Geschehnisse in der Stadt diskutiert und nach Lösungen gesucht. Ob der Kaffeekränzchen von Caroline Gericke konkrete politische Folgen hatten, wissen wir nicht. Aber wir wissen zum Beispiel, dass die Gründung des Kinderhospitals in Celle auf eine Gruppe Frauen um Emilie von Schlepegrell zurückgeht. Auch Frauen vernetzten sich und wurden öffentlich aktiv. Und dabei stellte das biedere „Kaffeekränzchen“ einen wichtigen öffentlichen Raum dar. Es dient dem weiblichen Eigensinn im 19. Jahrhundert, indem es dem Ideal des Biedermeier nicht widersprach, aber den Frauen doch ermöglichte, sich in dessen Rahmen eigene Freiheiten zu schaffen.

Und heute? Kaffee passt sich unserem Lebensstil an. Für die schnelle, aufputschende Tasse zwischendurch in einem durchgetakteten, schnelllebigen Alltag begegnet er uns etwa als Kapselkaffee oder coffee to go. Denn Kaffee zu trinken und vor allem die Weise, wie man dies tut, hat noch immer repräsentative Bedeutung. Ein frisch aufgebrühter Kaffee gehört auch noch immer in den meisten Haushalten zum Morgenritual am Wochenende, wo er entschleunigt und Zeit für Gespräche schafft. Auch Kaffeehäuser haben ihre soziale Wirkung erhalten. Noch immer trifft man sich auf eine Tasse im Café, wobei der gemeinsame Kaffeegenuss häufig nur Vorwand ist, um sich miteinander auszutauschen. Und natürlich verbinden sich mit großen Ketten wie Starbucks oder kleinen Kaffees bestimmte Lebensstile, denen man sich durch den Besuch zugehörig fühlt. Wie alles, das den Menschen umgibt, ist eben auch Essen und Trinken mehr als nur Nahrungsaufnahme: Sie sind Kultur.