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05.08.2021
05.08.2021

Museumssnack

„Macht euch die Erde Untertan.“ Beim Gang durch unsere Dauerausstellungen begegnet man an unterschiedlichen Ecken immer wieder der Lüneburger Heide. Und es fällt auf, dass dieser Satz aus dem Alten Testament auf kaum etwas besser passt, als auf die Beziehung von Mensch und seiner Umwelt. Denn das heute geschützte Naturgebiet der Lüneburger Heide, dass das Leben der Menschen in und um Celle über Jahrhunderte prägte, ist tatsächlich wenig natürlich. Vielmehr ist sie Ergebnis einer wechselwirksamen Beziehung von Mensch und Umwelt. Das Erscheinungsbild der Landschaft in der Lüneburger Heide war stets von der Kultur einer Epoche abhängig; davon, wie die Zeitgenossen auf die Welt blickten und „Natur“ verstanden. Sie ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Kulturlandschaft.

Alles begann vor tausenden vor Jahren, als das riesige Gebiet zwischen Skandinavien und Harz zunächst von Meer und in den folgenden Jahrtausenden immer wieder von eiszeitlichen Gletschern bedeckt war. Am Meeresgrund lagerten sich Salz, Panzer von abgestorbenen Algen und anderes organisches Material ab, aus denen sich Salz-, Kieselgur- und Erdölvorkommen bilden sollten. Die Gletscher schoben auf ihrem Weg von Norden nach Süden gewaltige Mengen Sand, lose Steine und Ton vor sich her. Die kräftigen Winde der Eiszeit verwehten jedoch den feinen Ton zumeist in die heutigen fruchtbaren Gegenden wie der Magdeburger Börde. Zurück blieb die bis heute einzigartige Landschaft der Lüneburger Heide. Nach dem Rückgang der Gletscher und dem Ende der Eiszeit wuchsen zunächst Gräser auf dem sandig-steinigen Boden und zogen große Tierherden – vor allem Rentiere – an. Und vor rund 10.000 Jahren folgten den Tieren die ersten Jäger, die sich in der Lüneburger Heide niederließen. 

Lang hielt dieses Idyll nicht an. Die Region der Heide wurde immer dichter von Bäumen bewachsen. In den dichten Wäldern fanden die Herden keine Nahrung und zogen weiter. Auch für die Jäger und Sammler, die in Abhängigkeit von dem lebten, was die Natur ihnen bot, wurde es immer schwerer, so zu überleben. Deshalb siedelten sie fast ausschließlich an fischreichen Flüssen. 

Vor etwa 7.000 Jahren veränderte sich das Verhältnis von Mensch und Umwelt in der Heide grundsätzlich. Die ersten Bauern errichten Norddeutschland und mit ihnen breitete sich die Ackerwirtschaft aus. Nun musste der Mensch nicht mehr von dem Leben, was die Natur ihm anbot. Er veränderte die Natur so, dass er sich sein Auskommen selbst sichern konnte. Das führte zu gewaltigen Eingriffen in die Landschaft. Bäume wurden für Äcker und Weiden gerodet, das Holz für Häuser, Ställe und Zäune gebraucht. Das Vieh weidete direkt in den Wäldern. Und wann immer die natürlichen Ressourcen einer Gegend aufgebraucht wurden, zog die gesamte Siedlung weiter und alles begann von neuem. 

Statt der Wälder breiteten sich nun weite, frei Flächen sandigen Bodens aus, der das Wasser nicht halten konnte, wodurch auch die letzten Nährstoffe ausgewaschen wurden. Nur anspruchslose Pflanzen wie das Heidekraut konnten auf diesen Flächen wachsen. Und die Bauern passten sich wieder an. Machten sich auch diese Landschaft Untertan. Sie setzten nun zum Beispiel verstärkt auf Schafzucht. Die Schafe fraßen die nicht nur das Heidekraut, sondern auch sämtliche junge Triebe und verhinderten so das Wachstum von Büschen und Bäumen. Außerdem bauten die Bauern das Heidekraut samt Wurzeln und Boden ab, um die Ställe damit zu streuen oder die Dächer ihrer Häuser zu decken. Dieses System, das auch vom wachsenden Handel mit Wolle und Wachs in Celle stabilisiert wurde, schuf die uns heute bekannten Heideflächen. Es schuf aber auch Wanderdünen, die Siedlungen unter sich begruben. 

Dieses ökologische und ökonomische System wurde erst durchbrochen, als sich im 19. Jahrhundert der Handel mit Wolle und Holz aus der Lüneburger Heide sich nicht mehr lohnte. Aber der Ausbeutung der Heide war damit noch kein Ende gesetzt. Denn nun setzte zum einen das Ölfieber ein. Rund um Wietze und andere Orte in der Heide schossen Bohrtürme in die Höhe. Ein Großteil des in Deutschland benötigten Erdöls stammte bis zum 2. Weltkrieg aus der Lüneburger Heide. Außerdem grub man den Boden der Heide auf der Suche nach Kieselgur, dass bei der Herstellung von TNT und Wasserfiltern benötigt wurde sowie Salz um. Statt Umformung der natürlichen Gegebenheiten stand nun die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen im Fokus. 

Doch bereits zeitgenössisch stieß dieses Vorgehen auf Kritik. Intellektuelle, Künstler und Dichter wie Hermann Löns fürchteten sich vor den Folgen für die Natur der Lüneburger Heide. Galt diese zunächst als öde und arm, veränderte sich der Blick auf sie im Vergleich zu den entstehenden Großstädten der Industrialisierung. Nun war er idyllischer und ruhiger Rückzugsraum, in der man der natürlichen Lebensweise des Menschen am nächsten war. Mit diesem neuen Verhältnis zur Natur entwickelte sich eine Bewegung zum Schutz von Naturdenkmälern. Dabei ging es weniger um die Natürlichkeit von Landschaften, sondern um ihre Schönheit und Anmut und wie stark man sie mit der Ursprünglichkeit des eigenen Volkes und seiner Lebensweise verband. So gründete sich 1909 der Verein Naturschutzpark, der 1922 die ersten 210 qkm Naturschutzpark Lüneburger Heide errichtete. Im Sinne der Naturdenkmal-Bewegung ließ der Verein jedoch die Fläche nicht renaturieren. Denn dann würden wir heute nur unendlich viele qkm Buchenwald sehen. Bis heute bearbeitet er das Gebiet aktiv, um die vom Menschen geschaffene Kulturlandschaft zu erhalten. 

Wie sieht heute unser Verhältnis zur Natur aus? Wie passen wir sie heut in unser Weltbild ein? Von den Antworten auf diese Frage hängt viel ab. Denn der Mensch ist wie kein anderes Wesen in der Lage, die Natur zu verändern und zu beeinflussen. Und er wird sie stets so verändern, wie es in seinem Augen Sinn macht – auch in Zeiten des menschengemachten Klimawandels.