Seiteninhalt

Museumssnack

Unsere Ausstellungen bieten viele Highlights, die es lohnt auf einem Streifzug durchs Museums auf einem Foto festzuhalten. Und zack… wieder ist ein Bild geschossen. Da kommt am Ende ganz schön was zusammen. Und vielleicht kennen sie ja auch die Frage: Wer soll sich die Bilderflut im Nachhinein ansehen? Ist das nicht viel zu viel? Muss man nicht aussortieren? Die besten Fotos in einem Fotobuch bündeln? Dieses Problem kannte man vor 200 Jahren noch nicht. Damals kämpften die ersten Kamera-Prototypen noch mit einer Belichtungszeit von bis zu acht Stunden. An Dauerknipsen war nicht zu denken. Und so besaßen Fotographien auch noch ein ganz anderes Ansehen, als heute. 

Plattenkamera der Ica AG aus Dresden, 1910

Von der Pionierzeit der Fotographie erzählt die Kamera in unserer Dauerausstellung zur Stadtgeschichte. Dabei handelt es sich um eine einäugige Plattenkamera der Ica AG in Dresden. Sie wurde um 1910 hergestellt und hier in Celle genutzt. Sie bannte die Fotographien auf Glasplatten, die immer genauso groß waren, wie die späteren Abzüge. Vergrößern oder verkleinern war nicht möglich. Und die Kamera auf Reise schnell im Rucksack mitzunehmen auch nicht. Denn zusätzlich benötigte man auch noch ein Stativ und ein Tuch für den Fotographen. Und dennoch handelt es sich um ein Highend-Gerät der Zeit des Deutschen Kaiserreichs, dass schon viel weiterentwickelt war, als die ersten Kameras der Geschichte, und das einen regelrechten Foto-Hype auslöste. 

Die Geschichte der Fotokameras ist eigentlich sehr lang. Denn das grundlegende Wissen besaß man bereits in der Antike. Bereits damals kannte man einfache Linsen aus Kristall. Außerdem war die Camera Obscura bekannt, bei der Licht, das durch ein sehr kleines Loch in einen dunklen Raum oder eine dunkle Kiste dringt, dort ein Bild der Außenwelt projiziert. Allerdings steht dieses Bild auf dem Kopf. Und so nutzte man sie lediglich als Zeichenhilfe, um Landschaften ab zu pauschen. Was fehlte, war das chemisch-physikalische Wissen, dass Licht Stoffe wie Silbernitrat oder Silberoxid dazu anregen kann, sich zu verfärben. Zwar entdeckte man dies bereits im 17. Jahrhundert, aber bis man die Puzzleteile zusammensetzte, sollte es noch über 100 Jahre dauern. Und selbst dann erwies es sich als problematisch, die Fotographien zu halten. Nahm man sie aus der Kamera, verfärbten sie sich komplett schwarz, da das Sonnenlicht für weitere chemische Reaktionen sorgte.

Der Durchbruch gelang den beiden Franzosen Joseph Nicéphore Niépce, dem als erstes eine scharfe Aufnahme gelang, allerdings mit acht Stunden Belichtungszeit, und Louis Jacques Mandé Daguerre, der die Technik weiterentwickelte. Daguerre gelang es mit Quecksilber die Belichtungszeit auf wenige Minuten zu reduzieren und mit Kochsalz die Fotographie dauerhaft vor weiteren chemischen Reaktionen zu bewahren. Zwar dauerte der Vorgang, ein Bild zu schießen, alles in allem immer noch eine ganze Stunde. Aber dennoch war die Daguerreotypie erfunden, die Fotos in der Welt und ein Hype brach los. Gutbetuchte Bürgerinnen und Bürger wollte sich nicht mehr malen, sondern fotographieren lassen. Die Folge war ein Sturm der Entrüstung der französischen Portrait-Maler, die die neue Technik verdammten. Und auch der französische Staat erkannte das Potential der Erfindung. Er schätzte es so hoch ein, dass er Daguerre mit einer jährlichen Rente bis ans Lebensende davon überzeugte, auf die Patentierung seiner Erfindung zu verzichten. 

Die Plattenkameras, wie jene aus unserer Ausstellung, stellen die technische Weiterentwicklung der Daguerreotypie da. Den die Bilder, welche Daguerre schießen konnte, waren stets Unikate. Man konnte sie nicht vervielfältigen oder von Metallplatten auf Papier übertragen. Dies gelang erst dem Engländer William Henry Fox Talbot. Mit der Möglichkeit, beliebig viele Abzüge herzustellen, die auch aus einfachem Papier sein konnten, erfuhr die Fotographie einen beispiellosen Boom. Fotos besaßen zeitgenössisch den Beinamen „Spiegel mit Erinnerung“, da man ihnen zusprach, die Realität unbestechlich wiederzugeben. Sie galten daher im Vergleich zu Gemälden nicht nur als unverfälschtes Zeitdokument, sondern auch als einfacher zugänglich für alle sozialen Schichten, als Texte. Entsprechend wuchs auch im Kaiserreich der Markt des Fotojournalismus und der Illustrierten. Und niemand nutzte dieses neue Massenmedium so häufig und geschickt wie Kaiser Wilhelm II. Heute wissen wir natürlich, dass Fotographien mit Nichten unbestechlich sind und sich sogar recht leicht manipulieren lassen. Im Zuge des Fotojournalismus lässt sich so eine ganze Wirklichkeit manipulieren.   

Für einzelne Privatpersonen war die Fotographie jedoch noch immer unhandlich und teuer. Das änderte sich 1888 als Georg Eastman den Rollfilm erfand und zum Vertrieb die Firma Kodak gründete. Jeder Besitzer einer Kodakkamera konnte nun 100 Fotos am Stück knipsen, die Kamera einschicken und die Bilder entwickeln lassen. Damit begann sich die Fotographie um 1900 enorm zu verbreiten. Sie wurde dabei zum Eckpfeiler einer privaten Erinnerungskultur, die wie alle Erinnerungskulturen äußerst selektiv ist. Die begrenzte Zahl der Bilder, die man schießen und in ein Album einkleben konnte, machte es nötig, eine Auswahl zu treffen. Und so wurden Alben in den meisten Familien zu Erinnerungsspeichern, die ausschließlich schöne Momente auf eine Weise zeigen, wie man sich im Nachhinein wünscht, sich daran zu erinnern. Sie sind die Inszenierung der eigenen Vergangenheit. 

Die digitale Fotographie hat dies grundlegend verändert. Heute kann jeder mit seinem Smartphone in kürzester Zeit Unmengen an Fotos produzieren, zum Beispiel während eines Museumsbesuchs. Die meisten Bilder landen zudem unmittelbar auf sozialen Plattformen sie Instagram oder Snapchat. Da die reine Masse nicht dazu geeignet ist, sich die Bilder später tatsächlich noch einmal anzusehen, und auch die Verweildauer der Bilder in den sozialen Netzwerken äußerst kurz ist – Snapchat löscht sie unmittelbar nachdem der Empfänger sie gesehen hat – dienen Fotos nicht mehr als Erinnerung. Sie fungieren als Dokumentation des Hierseins in einem Moment: „Ich bin gerade hier!“. Besonders betrifft das Selfies. 

Doch das bedeutet nicht, das heute alles anders ist und die Bedeutung der Fotographie verblasst. Das alte gibt es noch immer. Die Fotobücher von heute sind die Fotoalben des 21. Jahrhundert und funktionieren genauso, wie ihre 100 Jahre älteren Vorfahren. Und schließ ist es egal, ob Daguerreotypie, Plattenkamera, Rollfilm oder Instagram-Post, es ging und geht bei der Fotographie immer um das eine: Die Inszenierung eines Menschen und eines Moments.