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Museumssnack

Kleider machen Leute! Eine Binsenweisheit, die eigentlich den meisten von uns bekannt und vermutlich auch schon einmal selbst über die Lippen gekommen ist. Häufig meinen wir damit, dass Kleidung einen äußeren Schein erweckt, der uns dazu verlockt, einen Menschen in eine Schublade zu stecken: Wir erachten ihn dann als reich oder arm, als Zivilist oder Amtsträger, als Handwerker, Anwalt, Bankier, als alt oder jung, als Mann oder Frau, als Punk, Rocker oder Hipster, als Trendsetter oder aus der Zeit gefallenen Sonderling. Wir können uns mit ihm identifizieren oder glauben, uns eindeutig von ihm zu unterscheiden. Und schließlich haben wir im Vergleich oft das Gefühl, ihm mit unserer eigenen Kleiderauswahl über- oder unterlegen zu sein, fühlen uns in der Situation entsprechend wohl oder unwohl. Man könnte also meinen, wir machen ein ganz schönes Gewese darum, was wir so alltäglich anziehen. War das früher denn auch schon so? Oder war früher mal wieder alles besser?

Grabausstattung einer Frau und Rekonstruktion (Ältere Bronzezeit)

Diese Fragen lassen sich gar nicht so einfach beantworten. Zwar ist man sich einig, dass der Mensch das einzige Lebewesen ist, dass Kleidung herstellt und trägt. Aber wissenschaftlich wird sich noch immer darum gestritten, was Kleidung eigentlich in ihrem Ursprung war: Reiner Nutzgegenstand oder reiner Schmuck? Die einen verweisen nicht zu Unrecht auf ihre Funktion, als auf den Leib geschneiderte Schutzhülle für den Körper. Denn spätestens mit dem Vordringen des Menschen in Breitengrade, in denen unbeständigeres und unangenehmeres Wetter herrscht, wie etwa Mittel- und Nordeuropa, benötigte der felllose, moderne Mensch eine Möglichkeit, sich gegen kalte Temperaturen und die allgemeine Witterung zu schützen. Andere Wissenschaftler stellen jedoch zu Recht die Frage, ob es denn dann wirklich von Nutzen war, diese funktionale Kleidung derart zu verzieren, wie man es zum Beispiel an den archäologischen Funden aus der Stein- und Bronzezeit sieht, die in unserer ur- und frühgeschichtlichen Ausstellung zu entdecken sind. Diese haben ebenso wenig einen praktischen Sinn, wie die weiße Schürze, die sich Dienstmädchen im Celle des 19. Jahrhunderts anzogen, wenn sie – etwa zum Einkauf – das Haus verließen. Warum mussten sie dazu die Schürze, die sie beim Kochen und Putzen trugen eintauschen? Hielt sie in der Öffentlichkeit nicht warm und sauber und verhüllte den Körper? Nein, dabei ging es rein darum, als Vertreterin eines Haushalts einen guten Eindruck in der Stadt zu hinterlassen. Manche Forscher versteigern sich deshalb in die Argumentation, Kleidung sei nie praktisch von Nöten gewesen, sondern habe sich rein als Schmuck entwickelt. 

Grabausstattung einer Frau und Rekonstruktion (Ältere Bronzezeit)

Die Wahrheit liegt – wie so oft – irgendwo dazwischen. Zwischen den wissenschaftlichen Gräben vermittelnd kann man sagen, dass Kleidung jede Form der Verhüllung und Schmückung des Körpers ist. Und erst im nächsten Schritt kann man dann Mode als ständigen Wandel des Zeichensystems, also der Sprache dieser Kleidung verstehen. Denn Mode ist ein Zeichensystem, dass aus unendlich vielen Elementen besteht, die miteinander kombiniert und anschließend gelesen werden können. Man kann einen Anzug mit Turnschuhen oder bunten Socken kombinieren oder klassisch mit schwarzen Lackschuhen. Die Deutung wird stets eine andere sein. Aber es gibt zwei Einschränkungen: Dieses Zeichensystem spricht einerseits nur zu uns, wenn wir über es reden. Denn nur, wenn wir über etwas reden, benennen wir es auch, weisen ihm Begriffe zu. Und jeder Begriff ist mehr als ein Name, es ist ein Konzept. Jeder Mensch weiß, dass sich hinter Hose und Rock zwei Dinge verstecken, die unterschiedlich definiert sind. Niemand würde zu einer Hose Rock oder zu einem Rock Hose sagen. Und andererseits ist die Sprache der Mode nie von Dauer. Sie verändert und wandelt sich. Andere Kombinationen kommen auf, alte Kombinationen werden anders verstanden. 

Weiße Schürze aus Leinen (2. Hälfte 19. Jahrhundert)

Dieses Unstetige ist der Kern von Mode. Mode begeht Selbstmord! Immer wieder kommt eine neue Mode auf, wird beliebt, verbreitet sich, wird zum Mainstream und muss damit unweigerlich von einer neu aufkommenden neuen Mode in Frage gestellt und verdrängt werden. Mode kann nicht von Dauer sein, da jeder Trend bereits seinen Gegentrend in sich trägt. Doch woran liegt das? Es liegt an ihrer Widersprüchlichkeit: Mode ist Abgrenzung und Anpassung, Unterschiedlichkeit und Gleichheit zusammen. Sehr gut erkennt man das an den bürgerlichen Anzugträgern des Biedermeier, wie den Männern der Familie Jacobs. Diese bürgerlichen Männer wollen etwas Eigenes darstellen, keine Adeligen, aber auch keine Bauern oder reine Untertanen sein. Sie tragen Anzug, um sich von diesen Schichten optisch zu unterscheiden. Und zwar alle! Denn sie wollen zugleich aussehen wie alle anderen Bürgerlichen, um Teil dieser Gruppe zu sein, um kein Außenseiter zu sein. Aber bitte auch nicht zu gleich, denn dann kann man ja nicht seine besondere Qualität, seinen besonderen Rang oder Reichtum nach außen tragen. Also zitiert man die absurden Übertreibungen adeliger Mode, trägt die Stiefel etwas höher als andere, einen anders geschnittenen Hut oder den Kragen bis unter die Ohren. So lang, bis es alle machen und man andere Wege finden muss, um sich abzugrenzen. 

Die Celler Kaufmannsfamilie Jacobs, August Wilhelm Dankworth (1852)

Bürgerliche wie die Jacobs hatten schlicht den Wunsch – wie wir heute – die Identität mithilfe von Kleidung individuell aber im Einklang mit den Ansichten einer bestimmten sozialen Gruppe zu definieren. Daher ist das Zeichensystem unserer Mode geprägt durch den konkreten Anlass, die Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht oder beruflichen Branche, der persönlichen Beziehung zu Mitmenschen und schließlich durch unsere allgemeine Kultur. Und deswegen scheint auch in der Männermode des 19. Jahrhunderts so wenig Bewegung zu sein. Die bürgerliche Kultur kannte nur ein sehr klares und starres Bild vom Mann. Da war wenig Platz und Akzeptanz für Diversität, für andere Definitionen oder Lebensentwürfe. Dadurch kam jeder, der in einer anderen Aufmachung als einem Anzug daherkam, viel grundsätzlicher mit der bürgerlichen Kultur in Konflikt, als nur mit ihrer Mode. Und grundsätzlicher war auch die folgende Außenseiterrolle. So war eine abwechslungsreiche, bunte, repräsentative Mode allein den bürgerlichen Frauen überlassen. Entsprechend wandeln sich die Möglichkeiten von Mode natürlich auch im Einklang mit dem kulturellen Wandel in Gesellschaften. So ist es kein Zufall, dass die Celler Bürgerstochter Justine Philippine Schünemann 1803, also kurz nach der französischen Revolution, in einem Chemisenkleid heiratete. Dieses Kleid mit seinem leicht fallenden, recht transparenten Stoff und dem weiten Ausschnitt passt so gar nicht zu unserer Vorstellung von der hochgeschlossenen, bürgerlichen Korsettmode. Das Chemisenkleid zeigt den Körper seiner Trägerin und stellt damit eine Befreiung zur Schau, wie sie in Emanzipationsdebatten in der Folge der französischen Revolution diskutiert wurde. Die Verhältnisse waren offener und so auch die Mode. Als sich die Ansichten im Biedermeier und der Restauration wieder verengten, taten dies auch die Kleider. 

Chemisenkleid aus Baumwolle (1803)

Und was bedeutet das alles für uns heute? Aktuelle Modetrends zeigen vor allem zwei auffällige Tendenzen im Vergleich zum 19. Jahrhundert. Zum einen scheint sich die Mode immer schneller zu wandeln, was zum Teil auch an den Verkaufsstrategien großer Modehäuser liegt. Zum anderen ist auch die Männermode viel stärker von diesem Wandel betroffen. Längst sind die Zeiten vorbei, wo für Männer allein der Anzug akzeptabel war. Viel mehr ist heute möglich. Zuletzt zeigten sich einige bekannte Herren sogar gänzlich unironisch in Damenmode. Hier zeigt sich die Entwicklung zu mehr Diversität. Unsere aktuelle Gesellschaft ist trotz allem viel offener für unterschiedliche Selbstbilder, Lebensentwürfe und Subkulturen. Sie werden stärker akzeptiert und entsprechend auch in der Mode sichtbarer. Sich im Einklang mit den Ansichten gesellschaftlicher Gruppen selbst zu definieren bedeutet eben nicht mehr zwingend, sich auf ein enges Verständnis von dem Mann und der Frau reduzieren lassen zu müssen. Dass dennoch diese Entwicklung zur Diversität gesellschaftlich nicht unumstritten ist, sieht man daran, dass auch heute noch rote Linien gezogen werden, wenn es darum geht, was wer wann wo trägt.