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04.03.2022

Museumssnack

Na, wer hat bereits mit der Urlaubsplanung für dieses Jahr begonnen? Wo soll es denn hingehen: In die Sonne an den Strand oder in die Wildnis zum Wandern, Trekking, Radfahren oder Bergsteigen? Kaum etwas gehört heute so sehr zum Lifestyle wie das Reisen. Auf Social-Media-Plattformen wird ganz akribisch dokumentiert, wo man sich aktuell aufhält. Dabei wird die Suche nach dem einen, umwerfenden Panorama, dass die Daheimgebliebenen am Bildschirm mit Sicherheit neidisch werden lässt, zur Obsession. Nicht selten drängeln sich an beliebten Instagram-Spots die Massen, um einen Schnappschuss zu bekommen. Ob irgendjemand dabei darüber nachdenkt, was dieses obsessive Reisen eigentlich mit der einheimischen Natur, Kultur und den einheimischen Menschen macht? Denn kaum etwas verändert eine Region so nachhaltig und umfassend, wie der Tourismus… 

Was 1841 mit der ersten Pauschalreise, angeboten durch Thomas Cook, begann, erfasste spätestens in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auch die Region der Lüneburger Heide. Nicht nur Künstler entdeckten damals die Heide als malerische Landschaft, die unbedingt mit Öl auf Leinwand festgehalten werden musste oder die es literarisch zu würdigen galt. Auch immer mehr Privatpersonen aus den großen Industriestädten wie Hamburg entdeckten die Natur vor ihrer Haustür als Ausflugsziel. Nicht erst mit der Gründung des Naturparks um den Wilseder Berg 1909 ergriff die Großstädter eine Wandermanie. Bereits 1895 erscheint mit dem „Hamburger Wanderbuch“ ein erster ausführlicher Wanderführer für die Heide. Nur 20 Jahre später zählte man in der Hansestadt rund 150 Wandervereine. 

Die Wanderlust war Zeitgeist. Die Industrialisierung hatte die deutschen Großstädte vollständig erfasst. Überall sprießen die Schornsteine von Fabriken in die Höhe und wuchsen neue Stadtviertel mit Wohnkasernen für neu hinzugezogene Arbeiter. Bald machte sich das Bild vom Großstadtmoloch breit, dem man entkommen wollte. Denn die Großstadt mache ungesund, mit ihrer Beengtheit, ihrer Dunkelheit und ihrer schlechten Luft. Außerdem sei der Mensch ein Wesen der Natur, der sie brauche, um gesund zu bleiben, sich zu entfalten und zu voller Kraft zu gelangen. Diesem Zeitgeist sind Jugendorganisationen wie der Wandervogel zu verdanken, dessen Mitglieder regelmäßig Ausflüge in die Natur unternahmen. Wichtig war ihnen dabei die völlige Verbundenheit mit der Natur. Wanderwege, Straßen und Hotels wurden abgelehnt. Die Wanderungen sollten querfeldein gehen und abends bettete man sich in Zelte um ein Lagerfeuer herum. Dieser Trend machte sich auch in der Heide bemerkbar. Vielerorts wurde das romantische und rustikale Schlafen auf Heu- und Strohböden angeboten. Für die Anbieter eine einfache Art, um von der Agrarwirtschaft in die Tourismusbranche zu wechseln. 

Sanfter Tourismus war diese Form des Ausflugs sicherlich nicht. Er veränderte die Regionen rund um Reiseziele, wie es Tourismus um 1900 allgemein tat. Das lässt sich auch in der Lüneburger Heide erkennen. Anfänglich existierte für die Urlauber und Ausflügler keinerlei Infrastruktur. Diese musste errichtet werden. Getrieben von den wirtschaftlichen Vorteilen zögerte man aber auch nicht lang. Die meisten Touristen kamen mit dem Zug und der Kleinbahn in die Heide. Je mehr es wurden, desto weiter baute man die Kleinbahnstrecken aus und verdichtete den Fahrplan. In manchen Orten wurden nun extra Bahnhöfe gebaut und Gasthöfe errichtet. Außerdem mussten Wege angelegt werden, auf denen die beliebten Kutschen Urlauber durch die Natur fahren konnten. Immer mehr Heidjer verdienten lieber mit den Ausflüglern ihr Auskommen, als dafür hart auf den nicht sehr ergiebigen Feldern zu schuften. 

Auch die Gründung des Naturparks selbst ist touristische motiviert. Ganz im Einklang mit der Idee amerikanischer Nationalparks, die bei der Gründung Pate standen, ging es nicht nur um den Schutz der Natur. Man entschied sich für den Wilseder Berg, weil er nicht weit von Hamburg entfernt lag und die Landschaft daher ideal als Naherholungsgebiet erschien. Auch der erste Nationalpark der USA, der Yellowstone Nationalpark, verfolgte mit seiner Gründung diese Idee. Dort ging man nach 1872 sogar soweit, auf die einheimische Tierwelt – vor allem Wölfe und Pumas – Jagd zu machen, um den Park von ihnen zu säubern. Sie störten den Tourismus! Welche Folgen dies für das Ökosystem eines geschützten Naturraumes haben könnte, war unbekannt und auch nicht von Bedeutung. 

Bis heute hat sich der Tourimus zu einem der wichtigsten Wirtschaftszweige in der Region der Lüneburger Heide, aber auch der Südheide und Celles entwickelt. In der Heide zählten man in normalen Jahren etwa 5 Millionen Übernachtungen. Noch immer Suchen die Urlauber und Ausflügler die Natur, Ruhe und das besondere Brauchtum der Region. Doch ist das längst nicht mehr alles. Zur Unterhaltung der Touristen weist die Region auch einer der höchsten Dichten an Freizeit- und Tierparks auf. 

Das Beispiel der Heide zeigt, dass Tourismus zwar viel Geld in einer Region bringen kann. Aber mit dem Streben nach mehr Profit kommt es dabei auch häufig zur Touristifizierung, die ähnliche problematisch ist, wie die Gentrifizierung. Grundprobleme sind die Entwicklung wirtschaftlicher Monokulturen und von Saisonarbeit, die sehr Krisenanfällig sind. Außerdem kann unkontrollierter Tourismus die Preise für Lebensmittel und Wohnraum in Urlaubsregionen treiben. Häufig wird die Kultur kommerzialisiert und fördert eher Vorurteile über eine Region und ihre Bewohner, als über sie aufzuklären. Und schließlich drohen Naturlandschaften zersiedelt zu werden und leiden unter Belastungen wie hohem Wasserverbrauch, Müll und Lärm. 

Seit einigen Jahren geht der Trend daher zum ökologischen oder sanfteren Tourismus. Dieser setzt darauf, nicht nur Gewinnstreben in den Blick zu nehmen. Vielmehr sollen Einheimische stärker eingebunden werden, auf ihre Kultur und die Natur mehr Rücksicht genommen werden. Für die unvermeidbaren Auswirkungen sollen Verantwortliche klar bezeichnet werden, die sich dann auch verpflichten, nach Lösungen für Probleme zu suchen. Und schließlich sollen die Touristen selbst mehr für ihre Reiseziele sensibilisiert werden und sich bereits im Vorhinein mit ihnen stärker auseinandersetzen. Bemerkbar macht sich dieser Trend auch in der Lüneburger Heide. Der Naturpark verfolgt gleich mehrere Projekte, mit dem er eine Renaturierung oder Pflege der Natur sowie einen sanfteren Tourismus verfolgt.