Hauptmenü
Inhalt
ALLRIS - Vorlage

Mitteilungsvorlage - MV/0321/12

Reduzieren

Beratungsfolge

Reduzieren

Sachverhalt:


Anfrage FDP, Antrag Nr. 62/2012

Im letzten Integrationsausschuss (27. Juni 2012) wurde vom Ezidischen Kultur-Zentrum in Celle und Umgebung (EKZ) angesprochen, dass es für die hier wohnenden Migranten ezidischen Glaubens erstrebenswert sei, ihre Verstorbenen auf einem eigenen Gräberfeld zu bestatten. Das EKZ strebt daher eine eigene Grabfläche für Eziden in Celle an.

Die FDP hat beantragt, die Verwaltung zu beauftragen, in einer der nächsten Sitzungen des Ausschusses für öffentliche Einrichtungen, Umwelt und Klimaschutz die Möglichkeiten der Schaffung eines auf einem im Stadtgebiet zentral gelegenen ezidischen Gräberfeld zu prüfen.

Diese Mitteilungsvorlage soll primär dazu dienen, ezidische Bestattungsrituale im Einzelnen zu beschreiben, um das Anliegen eines ezidischen Gräberfeldes auf einen kommunalen Friedhof in Celle für die notwendigen weiteren Beratungen inhaltlich vorzubereiten.

 

 

Kommunale Friedhöfe und Ezidische Grabstätten

Es existieren keine Statistiken über ezidische Sterbefälle in Celle und Umfeld. Nimmt man konkrete Erfahrungswerte aus Celle, so haben laut Fachdienst 69 (Friedhöfe) von 1991 bis heute 21 Bestattungen von Eziden in der Stadt Celle stattgefunden. Von Juni 2011 bis heute fanden keine Bestattungen statt. Bei den ezidischen Bestattungen in Celle wurde bereits bei der Grabauswahl darauf geachtet, dass das Gesicht des Verstorbenen nach Osten gerichtet ist, so wie es die ezidische Religion vorschreibt. Auf dem Friedhof in Altencelle hat eine Familie drei Grabstellen für sich im Voraus erworben. Eine Bestattung von Eziden auf kommunalen Friedhöfen in Celle ist also jederzeit möglich.

Nach Aussagen von Herrn Yalti, Ezidisches Kultur-Zentrum in Celle und Umgebung (EKZ), leben ca. 10.000 Eziden in der Stadt und Kreis Celle. Die erste Generation der in Deutschland verstorbenen Eziden wollte auf eigenen Wunsch in ihren Ursprungsländern beerdigt werden. Dies gilt aber nicht für die Mehrheit der zweiten und dritten Generation der Eziden in Deutschland. Denn Deutschland ist zur Erstheimat geworden. Die letzte Ruhestelle soll dementsprechend auch in der Heimat Deutschland sein. Auf dem Friedhof in Hannover-Lahe existieren bereits seit 1989 Gräberfelder, die ausschließlich der Bestattung von Angehörigen ezidischen Glaubens vorbehalten sind. Auch Celler Eziden bestatten ihre Angehörigen in Hannover-Lahe. Den Wunsch nach einer eigenen Grabfläche in Celle definiert das EKZ als eine Notwendigkeit, denn Angehörige wollen ihre Verstorbenen nach ezidischen Ritualen in der Nähe, d.h. möglichst an ihrem früheren Wohnort, beerdigen. Auf einem ezidischen Gräberfeld würden dementsprechend nur Eziden aus Stadt und Landkreis Celle beerdigt werden.

Die Möglichkeit zur Nutzung der kommunalen Friedhöfe in Celle, ohne eine eigene zusammenhängende Fläche zu haben, sei sehr positiv und wohlwollend, würde aber nicht unbedingt im Sinne der ezidischen Religion sein. Ezidische Gräber müssen unter sich sein, es ist nur eine Erdbestattung üblich und die dauerhafte Totenruhe gilt als unantastbar. Dementsprechend müssten die Gräber bis zur Unkenntlichkeit erhalten bleiben.

Die bereits existierenden Grabstätten in den kommunalen Friedhöfen in Celle seien aus der Not heraus entstanden. Nach Herrn Yalti handelt es sich bei diesen Verstorbenen überwiegend um Säuglinge und Kinder, auch um Menschen mit schwersten Behinderungen. Obwohl die dauerhafte Totenruhe als unantastbar gilt, könnten diese Grabstätten bei Bedarf auf einen ezidischen Friedhof durch Celler Bestatter umgesiedelt werden. Dies sei in der ezidischen Religion erlaubt, steht aber nach deutschem Recht unter dem Erlaubnisvorbehalt der Unteren Gesundheitsbehörde.

Gräber die unkenntlich sind, können durchaus bei Bedarf neu belegt werden. Stößt man bei der Ausgrabung auf menschliche Knochenreste, werden diese in eine Ecke der Grabstelle gelegt und mit eingegraben. Eine kleine Opfergabe an Bedürftige wird dann von den Angehörigen der neuen Grabstätte entrichtet. Dabei handelt es sich um kleine Opfergaben wie beispielsweise um Brot oder ein Getränk.


Bestattungsrituale Eziden

Die Totenwaschung erfolgt entweder im Krankenhaus oder im EKZ. Nach der Waschung hält der Priester ein Gebet. Der Tote wird weiß gekleidet, samt weißer Kopfbedeckung. Kalkkügelchen aus Lalisch werden den Toten auf die Augen gelegt. In Lalisch befindet sich das Zentrale Heiligtum der Glaubensgemeinschaft der Eziden. Lalisch ist ein Ort im heutigen Irak. Danach kommt der Tote in den Sarg. Im EKZ beten alle zusammen und verabschieden den Toten zur Grabstätte.

Eine Stunde vor dem Begräbnis finden Angehörige und Freunde des Verstorbenen am Friedhof zusammen. Im Durchschnitt nehmen 100 Personen an einer ezidischen Beerdigung teil. Bei prominenten Eziden kann diese Zahl bis auf 200 ansteigen. Am Friedhof folgt man den Totenwagen zur Grabstelle. Der Leichnam wird im Sarg beigesetzt.

Der Verstorbene muss mit dem Gesicht nach Osten (Sonnenaufgang) begraben werden. Am noch offenen Grab erzählt der Priester die Lebensgeschichte des Verstorbenen, betet und segnet Verwandte und die gesamte Gemeinschaft.

Nach dem Beten wird Erde auf das Grab geschaufelt, jede(r) mindestens dreimal, so lange bis der Verbau aus dem Grab problemlos rauszunehmen ist. Die Schaufel darf dabei nicht von Hand zu Hand weitergereicht werden, sie muss immer niedergelegt werden. Dann werden Blumen und Kränze niedergelegt. Blumen und Kränze werden vom Bestattungsunternehmen später wieder rausgenommen, um das Grab komplett mit Erde zuzuschütten. Eziden müssen sich auch vom Friedhof verabschieden, hierzu kniet oder bückt man sich kurz nieder.

Nach knapp drei bis sechs Monaten schmückt der Steinmetz das Grab. Männer erhalten zwei Grabsteine (Kopf- und Fußstein), Frauen nur einen Kopfstein. Die gängigen Grabsteine sind aus Kalk, Marmor oder Granit. Der Grabstein wird meistens mit einer Sonne oder dem Pfauvogel und dem Namen Ezide beschriftet. Die Pflege der Grabstätte erfolgt nach Bedarf und Ermessen der Hinterbliebenen. Die Gräber dürfen nicht betreten werden. Eziden rauchen grundsätzlich nicht auf Friedhöfen. In der Regel herrscht Rauchverbot, sind Raucherbereiche vorhanden können diese aber genutzt werden.

Nach der Beerdigung suchen engste Angehörige und ein Priester die Grabstätte an drei aufeinanderfolgenden Tagen zum Beten auf. In der Regel handelt es sich um zwei bis drei Angehörige und einen Priester. Am siebten Tag nach der Beerdigung wird die Grabstelle erneut aufgesucht (mit oder ohne Priester). Nach neun oder aber elf Monaten gehen erneut enge Angehörige und ein Priester an die Grabstelle zum Beten.

Ein sehr wichtiger Tag für die Eziden ist der zweite Donnerstag im Dezember (14.00 – 17.00 Uhr). Angehörige besuchen gemeinsam mit Priestern ihre Verstorbenen auf dem Friedhof. Es wird gebetet und die Gräber werden geschmückt (gepflegt). Eine Kapelle ist hierfür nicht notwendig, denn die Gebete finden direkt an den Gräbern statt.

Für Eziden ist die Gemeinschaft sehr wichtig, Familien halten zusammen. Angehörige werden in Notsituationen in der Regel nicht allein gelassen. Das gemeinsame Essen nach der Beerdigung ist ebenfalls ein Ritual, wird hier aber nicht näher erläutert.

Weiteres Vorgehen:

Eine weitere Beratung über die Möglichkeit der Schaffung eines auf einem im Stadtgebiet zentral gelegenen ezidischen Gräberfeldes, wird im Ausschuss für Umwelt und öffentliche Einrichtungen stattfinden.

 

 

 

 

Loading...