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ALLRIS - Vorlage

Mitteilungsvorlage - MV/0063/16

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Beratungsfolge

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Sachverhalt:

Die Verwaltung beabsichtigt, sich dezidiert mit den Perspektiven des Wirtschaftsstandortes Celle 2030 auseinander zu setzen. Als Ergebnis wird ein Konzept angestrebt, das beschreibt, wie der Wirtschaftsstandort durch unterstützende Maßnahmen der Stadt künftig ausgestaltet werden sollte. Die zu erarbeitende Studie soll inhaltlich den Bogen spannen von der Bestandsaufnahme und Analyse über die Beschreibung von technologischen Handlungsfeldern bis hin zu Handlungsempfehlungen.

 

Anlass hierfür bietet die sektorale Wirtschaftskrise in der Erdöl- und Erdgasbohr- und -servicebranche in Celle, die bereits zu massiven Einschnitten bei Umsätzen und Beschäftigungsverhältnissen in den betroffenen Unternehmen geführt hat und deren Ende derzeit nicht in Sicht ist.

 

In den nächsten Wochen wird sich die Wirtschaftsförderung mit den möglichen Inhalten und zweckmäßigen Methoden der Studie beschäftigen. Dabei kann sich herausstellen, dass wegen des komplexen Anspruchs der Aufgabenstellung und stark limitierter Personalressourcen auf externe Expertise von Dienstleistern, die sich mit wirtschaftsbezogenen Zukunftsfragen beschäftigen, zugegriffen werden muss. Sollte sich dies bestätigen, wird eine politische Beschlussfassung für die Vergabe von Konzepten eingeholt.

 

Bei dieser Aufgabenstellung ist die Wirtschaftsförderung in besonderem Maße offen für eine Zusammenarbeit mit Organisationen der Wirtschaft. Selbstverständlich können und sollten sich Celler Unternehmen im Rahmen dieser Studie inhaltlich einbringen; sie würden zur rechten Zeit kontaktiert.

 

 

 

 

Zur aktuellen Situation in Celle:

Celle als etwa 70.000 Einwohner zählendes Oberzentrum ist in Teilen seiner Wirtschaftsstruktur mittlerweile stärker wissensbasiert aufgestellt als noch vor einigen Jahren. Forschung und Entwicklung (F&E) nehmen in der traditionell gewachsenen, für die großen Energieproduzenten tätigen Erdöl-, Erdgas- und neuerdings auch Erdwärmeserviceindustrie einen mittlerweile deutlich zunehmenden Stellenwert ein.

Das war nicht immer so. Eher traditionell geprägte produzierende Unternehmungen sind immer noch zahlreich vorhanden. Es gibt Betriebe mit extrem niedrigen Innovationspotential, mittelständische Betriebe mit fehlendem akademischen Mittelbau / mittlerer Managementebene für F&E-Aktivitäten, Niederlassungen amerikanischer Konzerne, deren Innovations- und F&E-Aktivitäten von Houston o.a. gesteuert und umgesetzt werden.

Eine Ausnahme bildet hier das Unternehmen Baker Hughes. Einen wesentlichen Anschub erhielten die F&E-Aktivitäten am Standort Celle mit dem Aufbau des Technologiezentrums von Baker Hughes. Die konzernweit relevante Forschungs- und Entwicklungseinrichtung konnte sich gegenüber Houston am Standort Celle behaupten. Neben Fördermitteln des Landes Niedersachsen waren für den Baker Hughes Konzern die gut ausgebildeten Arbeitskräfte bzw. Ingenieure das entscheidende Kriterium für den Standort Celle. Im Technologiezentrum werden heute weltweit führende Technologien für Hochtemperaturelektronik, wirtschaftliche Bohrverfahren etc. entwickelt.

In den letzten Jahren folgte der Ausbau weiterer Forschungsaktivitäten in Celle: Unter industrieller Beteiligung von Baker Hughes und in Kooperation mit vier beteiligten niedersächsischen Hochschulen lief über drei Jahre das Forschungsprojekt „GEBO – Geothermie und Hochleistungsbohrtechnologie“. Die darin entwickelten theoretischen Forschungsergebnisse sollen weiter in der Praxis erforscht und in anwendungsreife Technologien überführt werden. Hierzu wurde die Einrichtung eines Forschungszentrums in Celle forciert und mit finanzieller Beteiligung des Landes Niedersachsen eingerichtet (Drilling Simulator). Das Forschungszentrum Drilling Simulator des Energieforschungszentrums Niedersachsen unter Federführung der Technischen Universität Clausthal nahm letzten Jahr in Celle seinen Betrieb auf.

Das vor einigen Jahren gegründete Kompetenznetzwerk „GeoEnergy Celle“ ermöglichte auch den mittelständischen Celler Unternehmen im Rahmen einer Kooperationsvereinbarung mit verschiedenen niedersächsischen Hochschulen den Zugang zu F&E-Ressourcen. So wurden einige Verbundprojekte mit BWI-Förderung (ZIM) auf den Weg gebracht. Es ist ausdrücklich gewünscht, dass sich Celler Unternehmen künftig auch an Projekten des Drilling Simulators beteiligen und so Innovationspotentiale aufbauen.

Das Deutsche Zentrum für Tiefengeothermie als Abteilung des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie des Landes Niedersachsen hat in Celle seine Büros. Die Bohrmeisterschule Celle als zentrale Aus- und Fortbildungsstelle in Bohr-, Förder- und Speichertechnik bietet ein breites Angebot an Bildungsdienstleistungen an.

So standortprägend und profilbildend diese wirtschaftliche Kompetenz für Celle auch ist, seit etwa Ende 2014 ist sie für den Standort problematisch. Konjunkturelle Schwankungen und Krisen hat die Branche schon mehrfach hinter sich und bislang immer gemeistert. Die aktuelle Krise ist hingegen in ihrer Dimension nicht absehbar. Sie hat vor allem drei Ursachen:

1)      Durch den seit über einem Jahr für Verbraucher zwar erfreulichen, für die Branche aber innovationshemmend und investitionsfeindlich niedrigen Ölpreis. Der Preisverfall durch Überproduktion von Rohöl: Dies führt dazu, dass in Europa die Erdölförderung nahezu zum Stillstand gekommen ist. Dadurch fehlen der Celle Zuliefer- und Serviceindustrie die dringend benötigten Aufträge.

2)      durch die politischen Sanktionen gegen Russland im Zuge der Ukraine-Krise, die Exporte in viele osteuropäische Staaten boykottiert. Sie machen es vor allem der in Celle heimischen Branche zunehmend schwerer möglich, wirtschaftlich erfolgreich zu agieren, und

3)      der fehlenden Rechtssicherheit durch eine verzögerte, noch ausstehende Entscheidung des Deutschen Bundestages zum Fracking-Gesetz

Das bedeutet konkret, dass allein in Celle bis zu 8.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftige in etwa 50 Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette, das sind knapp ein Viertel der Beschäftigten vor Ort, akut gefährdet sind. Fast jedes betroffene Unternehmen hat bereits Arbeitsplätze abgebaut, zum Teil im größeren Maßstab. Auch sind bereits Insolvenzen zu verzeichnen. Mehrere Unternehmen haben bereits seit Monaten Kurzarbeit angemeldet und erste Massenentlassungen waren nicht zu umgehen. Es besteht die ernste Gefahr, dass diese Fachkräfte der Region Celle und dem niedersächsischen Arbeitsmarkt dauerhaft verlorengehen. Abgewanderte hochqualifizierte Arbeitskräfte / Ingenieure sind aufgrund des aktuellen Fachkräftemangels kaum wieder zu beschaffen.

 

Zukunftskonzept Wirtschaftsstandort Celle 2030:

Um die Krisenanfälligkeit Celles aufgrund der Branchenkonzentration künftig abzumildern, bedarf es einer neuen Strategie in der lokalen Wirtschaftspolitik. Dazu einige grundsätzliche Gedanken vorbehaltlich vertiefender Untersuchungen:

Als Strategie sollte die Stadt mit Blick auf die Zukunft die Wirtschaft diversifizieren und die bereits angelaufenen F&E-Potentiale weiter ausbauen, um mit Innovationen und als Marktführer auch in Krisenzeiten noch wirtschaftlich agieren zu können. Deswegen wäre die Stadt Celle gut beraten, in nächster Zeit ein Zukunftskonzept „Wirtschaftsstandort Celle 2030“ zu erarbeiten. Mit Blick auf die Celles Zukunftsfähigkeit, die Erhaltung und Schaffung von Arbeitsplätzen, der Reduzierung der sektoralen Krisenanfälligkeit der Celler Wirtschaft sowie der Stabilisierung der Gewerbesteuereinnahmekraft sollten die Ressourcen der Wirtschaftsförderung schwerpunktmäßig dazu eingesetzt werden, zusammen mit ortsansässigen Unternehmen eine Zielperspektive zu entwickeln,  wie der Wirtschaftsstandort Celle 2030 aussehen könnte. Eine Kernfrage könnte lauten: „Über welche Zukunftstechnologien können künftig Arbeitsplätze und Wohlstand in Celle gesichert werden?“

Wirtschaftliche Diversifizierungsstrategien im Hinblick auf den Branchenmix gestalten sich im Allgemeinen und in Celle als besonders schwierig. Zum einen ist die Ansiedlung neuer Branchen nicht einfach, da viele regionale Branchencluster in Niedersachsen existieren, die die branchenspezifische Unternehmen anlocken (z.B. Automobilindustrie in Wolfsburg, Luftfahrtindustrie in Stade, Biotechnologie in Göttingen, etc.) Zum anderen steht Celle in großer Standortkonkurrenz zu Hannover und Braunschweig, die eine Ansiedlung verschiedener Branchen (Automobilindustrie, Produktionstechnologien, Gesundheitswirtschaft, Informations- und Kommunikationstechnologien) auf sich vereinigen. Deshalb sollte sich Celle auf sein langjährig gewachsenes Potential konzentrieren (Energiesektor) und diese durch Kooperationen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen in neuen Marktfeldern ausbauen. Hierbei sollte allerdings auch beachtet werden, welche Möglichkeiten Spin-offs bieten, um mit Produkten und Technologien aus der Erdöl-, Erdgas- und Erdwärmeindustrie in neue Marktfelder und möglicherweise neue Branchen zu gehen.

Im Vordergrund der Betrachtung soll daher weiterhin „Celle – Stadt mit Energie“ stehen. Es gilt primär, die endogenen Potenziale am Standort zu nutzen. Dies soll sich ausdrücklich nicht auf die Erdöl- und Erdgasbranche beschränken, auch wenn diese fossilen Energieträger im Übergang auf die vollständige Nutzung erneuerbarer Energieträger noch für Jahrzehnte genutzt werden. Der Fokus soll noch stärker als bislang auf erneuerbare Energien und deren Zulieferindustrie gelenkt werden. Zudem könnten auch andere Themenkreise, die durch örtliche Unternehmen repräsentiert werden, sondiert werden. Vorbehaltlich vertiefender Bestandsaufnahmen und Analysen und daraus ableitbarer Potenziale werden zunächst folgende Ansätze gesehen:

  • Endogene Potentiale nutzbar machen: Ein Beispiel: Das Unternehmen Baker Hughes hat sich in vergangener Zeit immer wieder als Spin-out Zentrum für neue Unternehmen und Geschäftsaktivitäten erwiesen. Ehemalige Mitarbeiter haben sich mit Tätigkeiten, die nicht zum Kerngeschäft der Unternehmensgruppe gehören, selbständig gemacht und eigene Firmen gegründet. Inzwischen hat sich Baker Hughes vom Maschinenbauunternehmen zu einem Entwickler und Produzent von Hochleistungselektronik und zu einer Softwareschmiede entwickelt. Auch in diesen Bereichen sollten Spin-off-Möglichkeiten geprüft werden, d. h. Transfermöglichkeiten von Know-how und Technologien in andere Branchen. Hier besteht die Chance aus endogenem Potential neue Branchen aufzubauen und in neue Branchen hinein zu wachsen. Denn Hochtemperaturelektronik wird auch in der Automobilindustrie und in der Luft- und Raumfahrt benötigt. Im Zuge der Celle Branchenkrise werden viele hoch qualifizierte und hoch motivierte Ingenieure und Manager freigesetzt. Diese sollten aufgefangen werden, bevor sie aus der Region abwandern und für den notwendigen Entwicklungsprozess nicht mehr zur Verfügung stehen. Das gilt natürlich nicht nur für Baker Hughes, sondern im gleichen Maße für alle Celler Unternehmen aus der Branche.
  • Infrastrukturen schaffen durch Aufbau eines Gründungszentrums für Energietechnik und Reservierung von Flächen im künftigen Gewerbegebiet Westercelle für Unternehmen aus der Energiebranche im Sinne eines Technologieparks
    Vielen Gründungswilligen fehlt das entsprechende Umfeld, um sich in der Celle wirtschaftlich weiter zu entwickeln. Hier müssen entsprechende Infrastrukturen und Rahmenbedingungen geschaffen werden. Dabei steht nicht so sehr die „klassische“ Existenzgründerbetreuung im Vordergrund, sondern vielmehr Branchengründerzentren, und / oder Branchengewerbeflächen, in denen sich neue Unternehmen untereinander vernetzen können. Ein erster Ansatz wäre eine Branchenzentrum „Energiewirtschaft“ als Nachnutzung des jetzigen OECN, im dem bereits der GeoEnergy Celle e.V., das Deutsche Zentrum für Tiefengeothermie und ein erstes Unternehmen aus der Energiewirtschaft ihren Sitz haben. Informationsveranstaltungen, Workshops, Initiativen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen sollten Perspektiven aufzeigen und zum Start in neue Geschäftsfelder motivieren.
  • Exogene Verflechtungen, z.B. Kooperationen mit dem Energieforschungszentrum Niedersachsen EFZN und den niedersächsischen Hochschulen, ausbauen: Die Celler Wirtschaft ist sehr gut mit der Energiewirtschaft vernetzt. Die Unternehmen pflegen intensive Kontakte zu den großen Energiekonzernen und arbeiten für eine Vielzahl von regionalen Energieversorgern. Im Laufe der letzten Jahre wurden Beziehungen und Netzwerke zu Hochschulen und Forschungseinrichtungen aufgebaut. Diese müssen konsequent weiter gepflegt und genutzt werden. Dies gilt insbesondere für die Umsetzung von Forschungsergebnissen in marktfähige Produkte. Juniorforschern sollte die Möglichkeiten zur Existenzgründung in Celle gegeben werden. Hochschulen und Forschungseinrichtungen verfügen über ein erhebliches Innovations- und Kreativpotential, um die Energiewirtschaft auch in Bereichen außerhalb von Erdöl, Erdgas und Erdwärme voranzubringen und quer in andere Themengebiete hinein zu denken. Ggf. können weitere Kooperationsvereinbarungen mit Institutionen geschlossen werden, die bereits mit Celle (Stadt, GeoEnergy, Unternehmen) über Projekte vernetzt sind. Hierzu zählen das Energieforschungszentrum Niedersachsen EFZN in Goslar, die Technische Universität Clausthal, die Technische Universität Braunschweig, die Leibniz Universität Hannover, die Universität Göttingen und die Leuphana Universität Lüneburg. Der Schwerpunkt sollte auch hier im Bereich der Energiewirtschaft liegen. Dazu sind entsprechende Instrumente und Rahmenbedingungen zu entwickeln, bereit zu stellen (Gründerzentrum, Gewerbepark Energiewirtschaft, Ansiedlungspolitik Energiewirtschaft, Kreativschmiede, Ideenwettbewerbe, Patenschaften Unternehmen - Juniorforscher, etc.).
  • Weitere Forcierung des Ausbaus oberflächennaher und mitteltiefer Geothermie vor allem auch in Norddeutschland, langfristig auch tiefe Geothermie.
  • Weiterentwicklung der Speichertechnik für CO2, Aquiferwärmespeichertechnik, Kavernentechniken
  • Stärkung des GeoEnergy Celle e.V. vor allem hinsichtlich seiner Ressourcen in der Geschäftsstelle zur Sicherung der Kontinuität der Arbeit

 

 

 

 

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