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ALLRIS - Vorlage

Mitteilungsvorlage - AN/0215/17-1

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Beratungsfolge

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Sachverhalt:  Die Anfrage der FDP-Fraktion vom 24.07.2017  AN/0215/17 wird wie folgt beantwortet:

 

Zu a:

Die Verwaltung stellt die Empfehlungen der Studie „Die Garnisonstadt Celle. Neukonzeption des Celler Garnison-Museums“ vor:

 

Die Präsentationen zur Militärgeschichte in Militärmuseen orientierte sich nicht nur in Celle lange Zeit fast ausschließlich an  der Formations- und Kriegsgeschichte sowie auf die Personengeschichte bedeutender Akteure. Dies gilt heute jedoch als überholt. Stattdessen sind eine Vielzahl weiterer Aspekte zu berücksichtigen: Die Einführung stadtgeschichtlicher, sozialgeschichtlicher, wirtschaftsgeschichtlicher  und mentalitätsgeschichtlicher Ansätze ermöglicht einen sehr viel komplexeren, differenzierteren und damit gesamtheitlichen Blick auf die Geschichte einer Garnisonstadt.

Unter diesem neuen Ansatz entwickelte der von 2011 bis 2013 im Bomann-Museum angestellte Volontär Arne Homann folgende Hauptabschnitte seines Konzeptes:

 

  • Hinter den Mauern? Alltag in der Kaserne
  • Begegnung mit der Zivilbevölkerung
  • Ausnahmesituationen/Extremsituationen
  • Frauen
  • Militärvereine
  • Bebauter Raum
  • Wirtschaft
  • Gegenwart und Zukunft

 

Herr Homann skizziert diese Abschnitte wie folgt:

 

„Der erste Themenkomplex der Dauerausstellung behandelt das Leben der Soldaten im Dienst bzw. innerhalb der Kaserne. Hier sind sowohl die über die Zeiten immer gleichen Abläufe aufzuzeigen wie auch Unterschiede. Etwa der Wandel der Wohnsi­tuation und der sanitären Verhältnisse, von der Einquartierung in Privathäusern um 1870 hin zu den modernen Ansprüchen genügenden Bauten des 21. Jahrhunderts. Daneben wird der vom Kaiserreich bis heute im Wesentlichen gleiche Dienstalltag mit sich stetig wiederholenden Phasen wie Wache, Ausbildung, Freizeit und Arbeit thematisiert. Und auch die teils massiven Veränderungen in Kriegszeiten sind hier von Interesse. Weiterhin bietet sich in diesem Kontext der Aspekt ‚Tradition‘ an. Hier wird die militärische Verarbeitung der drei großen Brüche von 1866, 1918, 1945 mit ihrem teils künstlichen Konstruieren von ‚Tradition‘ bzw. deren kompletter Ableh­nung thematisiert.

Der logisch folgende und zugleich umfangreichste Komplex lässt sich unter ‚Be­gegnung mit der Zivilbevölkerung: Nebeneinander, gegeneinander, miteinander‘ zusammenfassen. Seine zahlreichen Einzelaspekte werden vor allem über die Wahr­nehmung der unterschiedlichen Garnisonen durch die Zivilbevölkerung im Wandel der Zeit verbunden. Wie veränderte sich die Einstellung der Zivilisten von den noch welfisch dominierten Jahren nach 1866 über die Weltkriege und die britische Beset­zung hin zur momentanen Lage nach Auflösung des Ost-West-Konfliktes? Wo lag der gesellschaftliche Einfluss des Militärs auf die Zivilisten und umgekehrt? Wie defi­nierte sich der Einfluss von Militär auf die städtische Gesellschaft? – Ist im Fall Celles von einer Militarisierung der Zivilgesellschaft oder eher von einer „Zivilisierung des Militärs“ auszugehen?

Das tägliche Zusammenleben fand auf unterschiedlichen Ebenen statt. Evident sind die Gegensätze: einerseits das verfasste, offizielle Auftreten der Garnisontruppen bei Kaiserbesuchen oder Paraden, der Offiziere bei Bällen der gehobenen Gesellschaft, andererseits das alltägliche Zusammenleben vor allem der ‚einfachen‘ Soldaten mit den städtischen Mittel- und Unterschichten. Weitere Stichworte sind hier das Ver­einsleben, vor allem im musikalischen und gesellschaftlich gehobenen Bereich, die Garnisonkirchengemeinde oder Vergnügungseinrichtungen aller Art.

Eine besondere Rolle bei der Wahrnehmung des Militärs durch die Öffentlichkeit nahmen immer Ausnahmesituationen ein. Positiv herausragend sind die Katastro­pheneinsätze der Bundeswehr-Garnison, vor allem bei den schweren Waldbränden des Jahres 1975. Negativ stechen etwa die Ereignisse bei dem so genannten ‚Celler Massaker‘ von 1945 hervor.

Frauen – und auch Kinder – bieten sich aufgrund ihrer vielgestaltigen Beziehungen zum Militär und wegen der von ihnen in Garnison und Stadtgesellschaft einge­nommenen Rollen für einen speziellen Themenkomplex an. Hier beginnt das zu behandelnde Spektrum mit den im militärischen Bereich nur untergeordnete Rollen einnehmenden Frauen der Zeit um 1900. Demgegenüber erfolgten massive Wand­lungen im 20. Jahrhundert. Zu nennen sind etwa die Veränderungen im Zuge der beiden Weltkriege. Thematisiert werden die Lebensumstände von teils in der Rüs­tungswirtschaft, teils gar im Kriegseinsatz stehenden Frauen, von Kriegerwitwen die, oft genug als Flüchtlinge, allein die Existenz ihrer Familien sichern mussten. Den vorläufigen Abschluss bilden die fast völlig selbstverständlich auch in Kampftruppen dienenden Soldatinnen des 21. Jahrhunderts, etwa der Bundeswehr. Bestimmte As­pekte sind zeitenübergreifend vorhanden. Beispielsweise die Einheirat auswärtiger Soldaten in Celler Familien, deutsche wie britische Soldatenfrauen und ihre teils schwierigen Lebenssituationen, Prostitution und Gewalt gegen Frauen. Letztere können dabei auch als Folgeerscheinung der Stationierung von Truppen in Celle gesehen werden.

Rein männlich besetzt waren dagegen die bereits seit hannoverscher Zeit beste­henden, so genannten Militärvereine. Aufgrund ihrer ganz eigenen gesellschaftli­chen Rolle finden sie sich ebenfalls in einem eigenen Komplex. In ihnen schlossen sich ehemalige Soldaten mit dem primären Ziel der Traditionspflege zusammen. Vor allem im Kaiserreich und der Weimarer Republik, aber auch später noch, waren derartige Vereinigungen Sammelbecken vor allem konservativer Kreise. Sie übten dabei lange Zeit teils erheblichen gesellschaftlichen und politischen Einfluss aus. Ih­nen gegenüber abzugrenzen sind die heutigen, fest der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichteten Reservistenvereine der Bundeswehr.

Im Vergleich mit den vorstehenden Abschnitten deutlich sichtbare Spuren hinterlie­ßen die Garnisonen im Bereich des bebauten Raumes. Diesem Aspekt widmet sich daher ein eigener Themenkomplex. In ihren Dimensionen teils riesige Kasernenbau­ten, vor allem das heutige Neue Rathaus (die ehemalige ‚Große Infanteriekaserne‘), und über die Stadt verteilte, weitläufige Militärareale bestimmen bis heute die archi­tektonische Gestalt von Teilen Celles. Die Wahrnehmung dieses ‚toten Sichtbaren‘ durch die Bevölkerung früherer Zeiten wird ebenso thematisiert wie jene der im 14

Laufe der Zeit hinzugekommenen verschiedenen Arten von Denkmalen. Gerade die Errichtung kriegerischer Gedenkstätten wurde dabei oft von den genannten Mili­tärvereinen initiiert. Deutsches und britisches Militär aber auch Zivilisten nutzten all diese Orte, teils in kritischer Auseinandersetzung. Vor einem solchen Hintergrund ist zu fragen, wie dieses ‚lebende Sichtbare‘ von den von ihm belebten Bauwerken in seinem jeweiligen Charakter geprägt wurde bzw. wie es selbst diese prägte.

Eine zentrale Bedeutung hat auch jener Komplex, der die Frage nach dem Einfluss der Garnisonen auf das wirtschaftliche Leben in Celle stellt. Sicher profitierten Stadt und Land in bedeutendem Maße von mehreren Tausend Soldaten, die zeitweise in Celle stationiert waren. Hunderte von zivilen Arbeitsplätzen, in den Einzelhandel fließende Millionenbeträge, kleine wie industriell arbeitende Zulieferbetriebe, all das trug ohne Frage zur Verbesserung der Gesamtlage bei. Doch war das Militär hin­sichtlich seines wirtschaftlichen Einflusses wirklich eine wesentliche Säule der Stadt­entwicklung? Oder übte es in Zeiten allgemeinen Aufschwungs nur vergleichsweise geringen Einfluss aus?

Zuletzt soll in einem abschließenden Themenkomplex die aktuelle Situation der Stadt Celle nach dem weitgehenden Abzug des Militärs behandelt werden. Die all­gemeine Reduktion von Truppen, der Strukturwandel und seine Folgen für Stadt und Region werden hier in einen Kontext mit vergleichbar schwierigen Phasen der Vergangenheit gestellt, etwa nach dem Ersten Weltkrieg. Und auch auf andere Gar­nisonstädte der Region wird ein Blick geworfen, lassen sich dort doch Anknüpfungs­punkte finden um offene Fragen zu beantworten. Auf dieser Grundlage erfolgt zu­dem ein Ausblick in die Zukunft: Celle – Garnisonstadt ohne Garnison?“

 


Abstimmung mit dem Garnison-Museum e.V.
Dem Garnisonmuseum liegt das Konzept von Herrn Homann seit 2013 vor.

In einer Stellungnahme äußert sich der Vorsitzende des Vereins, Herr Wolff, wie folgt:
 

„… Diese neue Form der musealen Präsentation bedeutet einerseits die Abkehr von einer „traditionellen Ausstellungsform“, die insbesondere bei Fachbesuchern“ laut Umfragen des Museumsvereins heute noch sehr beliebt ist, bietet dagegen aber auch die Möglichkeit, die enge Verknüpfung von Stadt, Militär und ziviler Bevölkerung einem breiten Besucherspektrum darzubieten, welches sich bisher wenig mit dem Thema „Militär“ an sich auseinander gesetzt hat. Auf der Basis griffiger Beispiele wie im Konzept von Herrn Homann dargestellt, wird hierdurch ermöglicht, oft noch bei Besuchern vorhandene falsche Vorstellungen zu diesem Thema positiv zu beeinflussen. Dazu ist es erforderlich, „einen Ort moderner, zugleich fundierter wie spannender Vermittlung lokaler, historischer zivilmilitärischer Verflechtungen und Hintergründe“ zu schaffen. Dass dieser Ansatz von der Bevölkerung  gut angenommen wird, zeigen zahlreiche Beispiele im In- und Ausland, insbesondere das Militärmuseum der Bundeswehr in Dresden. Celle als eine mittelgroße Garnisonstadt mit 400jähriger Militärgeschichte und einer lebendigen und international geachteten Museumslandschaft erscheint für die Umsetzung eines solchen Konzepts im norddeutschen Raum als besonders geeignet und hätte eine entsprechende Signalwirkung für kleinere und mittlere Museen. Aufgrund der umfangreichen Bestände bietet sich in Celle die Chance, Militärgeschichte „von der Stadtwache zur Cyber-Armee“ museal darzustellen und historisch einzuordnen. Gerade letzter Aspekt ist in der lokalen Konzentration militärischer Großverbände (Munster und Bergen) und Ausbildungseinheiten (Munster, Fassberg und Celle-Wietzenbruch) der Bundeswehr nicht außer Acht zu lassen, zumal es (möglicherweise in konzeptioneller Zusammenarbeit mit dem Panzermuseum Munster) gerade auch im Hinblick auf das Traditionsverständnis der Bundeswehr, die Möglichkeit zur kritischer Auseinandersetzung und militärhistorisch-politischer Bildung bietet.“

 

Zu b: 
Grundsätzlich ist eine der Bedeutung des Themas angemessene Darstellung der Stadt Celle als Garnisonsort und der Bedeutung des Militärs für die hiesige Bevölkerung des Themas entsprechend den heutigen Maßstäben sicherlich möglich. Hierfür bietet das Museumskonzept von Herrn Arne Homann aus dem Jahre 2013 eine ausgezeichnete Grundlage. 

Eine Zusammenführung der Sammlungen des Bomann-Museums und des Garnisonmuseums für die Darstellung der Zeit ab 1866 ist ohne Frage sinnvoll und bereits weitgehend erfolgt, da der größere Teil der älteren Exponate des Garnisonmuseums aus Leihgaben des Bomann-Museums besteht.

Viel schwieriger sind die Fragen zu beantworten, wie und wo eine zeitgemäße Darstellung der Sammlungen in Form einer neuen Dauerausstellung erfolgen könnte.

Grundsätzlich ist das Museumskonzept von Herrn Homann so angelegt, dass es auch in den jetzigen Räumlichkeiten realisiert werden könnte. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass die Räumlichkeiten im jetzigen Gebäude musealen Ansprüchen nicht optimal genügen, da deren ehemalige Nutzung als Wohngebäude des Schlachthofdirektors ein eher kleinräumiges Raumkonzept mit sich brachte.

Aus diesem Grunde hat es in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts bereits erste Planungen für einen Erweiterungsbau des Garnisonmuseums gegeben, die allerdings nie umgesetzt werden konnten. Diese Planungen sahen einen Anbau am Gebäude des jetzigen Garnisonmuseums vor. Weitere Planungen, das Garnison-Museum in den Räumlichkeiten der leerstehenden Rathsmühle unterzubringen, mussten aufgegeben werden.

Eine Umsetzung im jetzigen Raumbestand des Bomann-Museums ist aus verschiedenen Gründen nicht möglich:

Durch das bis 2013 realisierte neue Ausstellungskonzept sind alle Räumlichkeiten belegt, so dass keine zusätzlicher Räume bereitgestellt werden können . Auch lassen sich die derzeitigen Ausstellungen bis auf Weiteres nicht wesentlich verändern, da durch die umfangreich eingeworbenen Fördermittel für die Erneuerung der Dauerausstellungen des Bomann-Museums (bis 2013) auch entsprechende Restriktionen durch die Drittmittelgeber hinsichtlich der Veränderungen des Konzeptes für die kommenden 15 Jahre akzeptiert werden mussten. Es liegt also bis 2028 ein Bestandsschutz vor, dessen Verletzung zur Rückzahlung von erheblichen Fördersummen führen würde. Nicht zuletzt würde durch einen nicht unwesentlichen Eingriff in das jetzige Ausstellungskonzept die Gesamtkonzeption des Bomann-Museums nachhaltig gestört und somit ein Zustand geschaffen werden, wie er bis 2013 Bestand hatte. Es würde ein nachhaltig gestörtes bzw. unvollständig realisiertes Ausstellungskonzept hinterlassen werden.

 

Eine zeitgemäße Präsentation der Ausstellungen des Garnisonmuseums wäre somit unter Berücksichtigung der desolaten Finanzsituation Celles wohl nur am jetzigen Standort möglich. Hierfür wäre eine belastbare Kostenschätzung nötig, die derzeit nicht vorliegt. Als Kostenrahmen darf jedoch bei Neubau von Dauerausstellungen ein Preis von etwa 1.200 bis 1.500 Euro/m2 angenommen werden. Hinzu kämen derzeit nicht abschätzbare Kosten, die ggf. für die Instandsetzung des Gebäudes und ggf. Erneuerungen im Bereich der Infrastruktur, z.B. Erneuerung von Alarmanlage, Elektroinstallation etc. anfallen würden.

Da das Gebäude eine Ausstellungsfläche von etwa 250 m2 aufweist, wären Kosten von etwa 300.000 bis 425.000 plus Instandsetzungskosten realistisch. Zusammengefasst wären Kosten im Bereich von etwa 350.000 bis 500.000 zu erwarten.

 

 

 

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Anlagen

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